Josef Friedrich Traxel wurde am 29. September 1916 in Mainz als ältester Sohn geboren und starb nach kurzer Krankheit für alle völlig überraschend am 8. Oktober 1975 in Stuttgart, knapp zwei Wochen nach seinem 59. Geburtstag.

Aus einem sehr musikalischen Elternhaus stammend wurde seine Musikbegabung früh erkannt und gefördert, zumal man bei ihm ein absolutes Gehöhr feststellte. Er lernte mehrere Instrumente zu spielen, aber auch der Gesang wurde zu Hause gepflegt. Nach der Schulzeit studierte er an der Musikhochschule Darmstadt. Zunächst ließ er sich als Komponist, Dirigent und Musikpädagoge ausbilden und galt als begabter Pianist, aber ein eigentliches Gesangstudium machte er nicht.

1939 mit 22 Jahren wurde er als Soldat eingezogen und musste sich die nächsten Jahre auf den Schlachtfeldern Europas behaupten. So nahm er am Frankreich-, Russland-, und zuletzt an Rommels Afrikafeldzug teil, ausgezeichnet mit Eisernem Kreuz I und II sowie dem Verwundetenabzeichen.

1942 an der Ostfront in Rußland verwundet, verbrachte er den anschließenden Lazarett-Aufenthalt in seiner Heimatstadt Mainz. Als er gerade genesen war, bat ihn das dortige Theater, für einen einberufenen Kollegen als Ottavio in Mozarts Don Giovanni einzuspringen, weil er die Partie beherrschte, allerdings fehlte ihm jegliche Bühnenerfahrung. Es wurde dennoch sein erster großer Erfolg. Dieses wohl einzigartigste Debüt eines Sängers wurde von der Kritik mit den Zeilen bedacht: "Hier ist ein junger Künstler dazu berufen, Musik zu leben, zu singen. Wird Traxel dieses Ziel erreichen? Vieles spricht bereits dafür, besonders die Selbstzucht, die sich der Künstler auferlegte und die nicht nur in der Akkuratesse des Notenbildes deutlich wird". Völlig genesen kam er gleich wieder an die Front diesmal in Afrika, wo er wieder verwundet wurde. Nach einem erneuten Einsatz im afrikanischen Wüstenkrieg geriet er dort schließlich in Gefangenschaft und verbrachte die nächsten drei langen, schweren Jahre in den Wüstencamps der USA.

Während der Kriegsgefangenschaft - zunächst in Texas dann in Arizona - gründete und leitete er ein 60 Mann starkes Lagerorchester, vom Roten Kreuz mit Instrumenten ausgestattet. Er gestaltete für seine Kameraden Liederabende und zahlreiche Konzerte und spendete dadurch seinen dankbaren Mitgefangenen Trost für die erlittenen Schicksalsschläge, so wie es ihm hart zugesetzt hatte, als ihn dort die Nachricht vom Tode seiner Eltern traf.

Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in das völlig zerbombte Mainz zurückgekehrt, musste er feststellen, dass auch sein Elternhaus im Dezember 1944 durch den Volltreffer einer Fliegerbombe zerstört worden war. So heimat- und mittellos geworden wandte er sich an seinen ehemaligen amerikanischen Lagerkommandenten, von dem er wusste, dass er nach Kriegsende nach Deutschland abkommandiert worden war, um unter anderem in Nürnberg den Wiederaufbau des Kulturbetriebs der Stadt zu organisieren. Der stellte ihn dort als Dolmetscher an, da er fließend englisch und französisch sprach. Er nutzte die folgende Zeit, autodidaktisch auch die italienische Sprache zu erlernen.

Seine eigentliche Sängerkarriere begann 1946, als der Nürnberger Opernkapellmeister Rolf Agop ein Vorsingen arrangierte, wodurch er schließlich als lyrischer Tenor an das Stadttheater engagiert wurde. Dort lernte er auch seine Frau Elli kennen, die nach der Heirat 1948 ihm ein Zwillingspärchen zur Welt brachte. Seine erste große Bühnenrolle war der Don Jose in Bizets Carmen. Bald war er dort als "unser Jupp" äußerst beliebt und ersang sich nach und nach sein großes Repertoire. Durch gelegentliche Gastspiele entdeckt berief ihn die Staatsoper Stuttgart 1952 zum 1. lyrischen Tenor. Stuttgart wurde zu seiner neuen Heimatstadt in der er sein Domizil auf dem Killesberg aufschlug, 1954 folgte die Ernennung zum Kammersänger. Dem Staatstheater, das damals schon wegen des hervorragenden Ensembles zu den führenden Häusern Europas zählte, gehörte er bis zu seinem Tode an. Doch banden ihn auch feste Verträge mit Düsseldorf und Berlin ferner Frankfurt, München und Wien. Auch international festigte er seine Bedeutung durch Auftritte bei den großen Festspielplätzen wie Salzburg, Edinburgh und Bayreuth. Als Oratoriensänger erreichte er internationale Höhen durch die alljährliche Mitwirkung als Evangelist bei den festlichen Aufführungen der Matthäus- und Johannes-Passion in Paris, Amsterdam und Hilversum, für einen ehemaligen deutschen Lanzer zur damaligen Zeit wahrlich ungewöhnlich. Schließlich war er in allen großen Opernhäusern Europas wie Helsinki, Dublin, London, Paris, Zürich und der Mailänder Scala regelmäßiger Gasttenor. Zahlreiche Gastspiele und Tourneen machten ihn auch auf anderen Kontinenten bekannt, vor allem in Süd- und Nordamerika. Seine Stimme wurde in Sao Paulo, Montevideo und Santiago ebenso gefeiert wie in Milwaukee, Philadelphia oder in der Carnegie Hall von New York.

Bald sprach die Kritik vom "Phänomen-Traxel". Mit 1,82m Körpergröße hatte er eher die Statur eines Bassisten, ungewöhnlicher noch die Bandbreite seiner Tenorpartien vom rein Lyrischen über das italienische Fach bis zum Heldischen. An die 60 Partien beherrschte er stilsicher und technisch perfekt, fast die Hälfte davon jederzeit abrufbar. Ohne sein umfangreiches Konzertprogramm mitzuzählen sang er in den 50er und 60er Jahren zwischen 80 und 100 Vorstellungen im Jahr.

Traxel war sowohl Tenor als auch gescheit, was zumindest in früheren Zeiten als Paradoxon galt. Durch die humanistische Bildung und Sprachbegabung verlieh er seinen Bühnenrollen dank einer außergewöhnlich klaren Textverständlichkeit eine packende Gestaltungskraft. Hinzu kam sein Humor - unvergesslich, wie er das dankbare Stuttgarter Publikum einmal während einer Aufführung von Puccinis Madame Butterfly zum Lachen brachte, als er in der Rolle des Linkerton der japanischen Gastsopranistin, die die Titelrolle auf Japanisch vortrug, nach ihrer so für alle unverständlichen ersten Arie auf Deutsch spontan hinzufügte: "Ja, ja Cho-Cho-San, Du hast Recht".

Die Fähigkeit aus dem Stehgreif zu dichten und das Wissen um die Belange des Sängers ließen ihn auch zum Librettisten werden, so texte er beispielsweise die Rolle des Lenski in Tschaikowskys Eugen Onegin völlig neu, um ihn, wie er sagte, "in gutem Deutsch" singbar zu machen. Werktreue stand bei ihm im Vordergrund, wenn er eine neue Partie einstudierte. Ein vorgegebenes Legato wurde von ihm auch in einem Atemzug gesungen. Zu dieser hohen Auffassung stand er auch, wenn andere, was schon damals als modern galt, Werke in ihrem Sinne neu interpretierten. Einem bekannten Dirigenten schrieb er einmal den Vierzeiler: "Was das Tempo betrifft und die Stärke im Ton, so halte ich mich an die Tradition, ganz streng und nicht nach Belieben, so wie es Mozart geschrieben" oder beantwortete die Frage: "Haben Sie meine neue Neunte schon gehört?" sarkastisch mit: "Ich wusste gar nicht, dass Sie auch eine geschrieben haben".

So verwundert es eigentlich nicht mehr, dass er bei seinem Bayreuther Debüt 1954 in einer bis dahin vermeintlich kleinen Rolle das Lied des Steuermanns so ausdrucksstark interpretierte, dass es auch bei der Kritik bis dahin unbeachtet endlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit fand. Schon 1952 hatte er bei der Uraufführung des Werkes "Die Liebe der Danae" von Richard Strauss während der Salzburger Festspiele als Merkur überzeugen können. In zahlreichen Ur- und Erstaufführungen wirkte er mit, unter anderem in Oedipus Rex von Igor Stravinsky und Arnold Schoenbergs Oratorium die Jakobsleiter 1961 in Wien oder als Tiresias in der Antigonae von Carl Orff 1967 in Stuttgart.

Unvergessen sind sein Belmonte, Don Ottavio oder Tamino in den lyrischen Partien der Mozart-Opern. Sein männlich-markanter Belmonte, der die zwei Arien aus der Entführung, sowohl aus dem ersten als auch die schwierige oft weggelassene aus dem dritten Akt mit Energie und dennoch mozartischer Kantilene zu erfüllen verstand. Herausragend war auch seine Gestaltung der Titelrolle des Titus. Die Verzweiflung des Titus, des gütigen Herrschers, der sich von Trug und List umgeben sieht, brachte Traxel mit dramatischer Kraft zum Tragen, ohne auch nur einmal hierbei das Lineare der Melodik Mozarts zu vergessen. Das Miteinander von ebenso schön wie exakt geführter Stimme und leidenschaftlichem, doch präzis geformtem Ausdruck kennzeichneten sein Singen, zeichneten seine Interpretationen aus.

Im italienischen Fach glänzte er in den führenden Tenorpartien von Verdis Maskenball und Puccinis Manon, gab sich als echter Herzog in Rigoletto oder war als Poet ein einfühlsamer Rudolf in Bohème. Arien von Boïeldieu oder Ponchielli verlangen um jeden Preis nach italienischer Bravour in denen sich die zugleich klare und individuell gefärbte Höhe sowie Höhensicherheit seiner Stimme bewährte. Es erstaunt immer wieder, wenn man hört, mit welcher Leichtigkeit er das hohe "d" in der 4. Strophe von Adams Postillon zu singen vermochte - also weit höher als das berühmte hohe "c" - ein Lied, das zu seinem Markenzeichen werden sollte, sein Publikum forderte es bei jeder Gelegenheit als Zugabe. Ein Hüon in Webers Opern Oberon oder den Adolar in Euryanthe bereiteten ihm ebenso wenig Probleme wie ein Alfred in Verdis La Traviata.

Sein höchst italienisch erscheinender Bajazzo, die Arie des Kalaf aus Puccinis Turandot, die er mit einer speziell verführerischen Delikatesse demonstrierte, oder als glänzender Don José in Carmen sind Beispiele dafür, wie er heldische Partien von einer lyrischen Seite her nahm, was ihnen das Aufgedonnerte, das Prätentiöse zunehmen wusste. So verschiedene Dinge gleichzeitig zu beherrschen erfordert äußerste Konzentration, wie er selbst sagte.

In Bayreuth sang er bis 1959 den Steuermann und Erik im "Holländer", den Froh im "Rheingold", den Walther von der Vogelweide in "Tannhäuser" und den Stolzing in "die Meistersinger von Nürnberg". In weiteren Inszenierungen von Wieland Wagner war er auch als Lohengrin oder Siegmund zu hören. Nach einer Walküre-Aufführung schrieb eine südamerikanische Zeitung: "Unter den Stimmen stand an erster Stelle der Tenor Josef Traxel. Sein Gesang war geradezu eine Offenbarung. Seine Stimme ist von Natur aus mit einem bezaubernden kraftvollen Timbre ausgestattet und hat einen immensen Umfang, sodass man in den tiefen Lagen der Partie glaubt, einen mächtigen Bariton zu hören; gleichzeitig brilliert er mit einer makellosen Höhe. Man wundert sich, wie er beide Lagen ohne Schwierigkeiten meistert und wie er diese anstrengende Partie ohne Ermüdung durchsteht. Seine dynamische Ausdruckskraft gibt ihm alle Mittel dazu in die Hand, den Part intensiv und interessant zu deuten. Hohe Musikalität und eine Gesangskultur von höchstem Rang machen ihn zum idealen Sänger, eine wahre Rarität..."

Er fühlte sich - vor allem als Konzertsänger und bei seinen Liederabenden - stets als Interpret des Komponisten, dem er nichts Eigenes hinzusetzen durfte. Beispiele dafür sind die Lieder von Schumann und Beethoven, vorgetragen ohne schwülstige Sentimentalität wie auch in dessen Oper Fidelio, der Florestan fern von aller Pathetik.

Dass er für Filmproduktionen wie "Der Vogelhändler" oder "Alt-Heidelberg" seine Stimme auslieh und "den letzte Walzer" ohne in Erscheinung zu treten mitsang, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Zu hören und zu sehen war er in den Fernsehaufzeichnungen von Capriccio und Fidelio wie auch bei den zahlreichen Auftritten in Hoepfners "blauem Bock". Als einer der bekanntesten Tenöre weltweit suche er keine Publicity, seine Berühmtheit merkte man ihm nicht an, er blieb stets ein sympathisch bescheidener Mensch auch privat.

In seiner Freizeit griff er gerne zum Bleistift, um meist recht spottlustig das in Verse zu schmieden, was ein Künstler mit offenen Augen hinter den Kulissen zu erspähen vermochte. So findet sich auch ein längeres Gedicht über Bayreuth, dessen erster Vers lautet: "Ja so ist es in Bayreuth schon seit allen Zeiten. Wer am allerstärksten schreit, darf für Elsa streiten." Den Urlaub verbrachte er meist zu Hause im Kreise der Familie und betätigte sich gekonnt in seiner Tischlerwerkstatt oder vertonte und synchronisierte seine in 16mm gedrehten Schmalfilme.

Die Heimatverbundenheit zu seiner Vaterstadt Mainz gab er nie auf. Wann immer es der Spielplan erlaubte, war er zur Karnevalszeit vor Ort. Nicht nur passiv sondern als aktives Mitglied des MCV trat er in den Sitzungen auf. Als einen Höhepunkt seines Künstlerlebens betrachtet er sein Mitwirken bei der 2000 Jahres-Feier der Stadt. Er half mit, die Kantate "Mainzer Umzug" uraufzuführen, getextet von Carl Zuckmayer und komponiert von Paul Hindemith, der eigenhändig dirigierte.

1963 begann - und hier schließt sich der Kreis - seine musikpädagogische Laufbahn, als ihn die staatliche Hochschule für Musik in Stuttgart zum Professor berief, an der er noch viele Jahre sein Wissen an die jungen Gesangsschüler aus aller Welt weitergeben konnte.

Diese Bodenständigkeit war die eigentliche Kraft und Triebfeder, die sich durch sein ganzes Leben zog, seinen künstlerischen Werdegang bestimmte. Nach dem Geheimnis seines Erfolges befragt, gab er stets zur Antwort: "Ich habe gelernt der Kunst zu dienen und nicht mir selbst."

Quellen: Birte, Czerwenka, Honolka, Knödler, Lewinski, diverse Opernführer und Wikipedia